Häufige Fragen zu Sozialaudits

Was ist BSCI?

Die Business Social Compliance Initiative (BSCI) wurde 2003 unter dem Dach der Foreign Trade Association (FTA) gegründet, welche die außenwirtschaftlichen Interessen des gesamten europäischen Handels vertritt. Heute sind über 900 Handelsunternehmen Mitglied bei BSCI, darunter Aldi, Lidl, Otto, Metro und Deichmann. Die Verantwortung für die Umsetzung grundlegender Standards liegt vorwiegend bei den Zulieferbetrieben. Die Preispolitik und Einkaufspraktiken der Auftragsgeber werden nicht betrachtet (keine Management-Audit-Systeme). Es ist eine reine Unternehmensinitiative (keine MSI) – NROs und Gewerkschaften sind nicht in die zentralen Entscheidungen gleichberechtigt eingebunden, sondern lediglich beratend. Lokale Akteure werden bei der Verifizierung, den Beschwerdemechanismen und bei Schulungen (Trainings) unzureichend berücksichtigt. Die Zahlung eines existenzsichernden Lohns wird nicht gefordert.

Was ist SA8000?

SA8000 ist ein Zertifizierungssystem von Zulieferbetrieben weltweit, initiiert von der Multi-Stakeholder-Initiative Social Accountability International (SAI), die 1997 gegründet wurde. Unternehmen (u.a. Switcher, Gap, Otto, Billabong, HP, Disney, Tchibo), Regierungen, Gewerkschaften und NROs (u.a. Rainforest Alliance, WWF, Care) sind in den Entscheidungsprozessen bei SAI beteiligt. Schwerpunkt ist die einzelne Fabrik, aber es gibt Verweise auf Vorstufen in der Produktionskette. Die Verantwortung für die Einhaltung der Standards liegt bei den Fabrikbesitzern und Zulieferern, die Verantwortung der Markenfirmen kommt zu kurz. Bei der Umsetzung der SA8000-Standards in den Fabriken sind NROs und lokale Stakeholder unzureichend beteiligt. Leider werden die Zertifikate häufig „gekauft". So war Ali Enterprise in Pakistan, die Fabrik, bei deren Brand im Sept. 2012 260 Menschen starben, nach SA 8000 geprüft worden.

Was prüfen die Audits? Einhaltung der Sozialstandards und auch die Statik der Gebäude?

Die Audits sollen einerseits die Sozialstandards, wie z.B. Löhne, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen prüfen. Andererseits müssen sie prüfen, ob das Gebäude über korrekte Papiere der staatlichen Aufsichtsbehörde verfügt. Beim Rana Plaza Gebäude, zum Beispiel, wurden einige Stockwerke ohne Genehmigung aufgestockt. Das hätte ein solches Audit feststellen müssen. In der Vergangenheit sollten die Auditunternehmen wie z.B. der TÜV nicht die Statik der Gebäude überprüfen, das scheint sich jetzt aber langsam zu ändern.

Die Textilindustrie beruft sich auf Zertifikate, u.a. vom TÜV, welche die Sicherheit und soziale Standards garantieren sollen. Können diese die Beschäftigten schützen?

Nein. Die TÜV-Zertifikate oder das SA8000 von SAI, das sind sehr hohe Zertifikate, werden aber leider vor Ort häufig gekauft oder der Kontrolleur wird hinters Licht geführt. Diese sogenannten Audits unterstützen nur die überprüfenden Firmen: Eine Prüfung nach der anderen, ohne dass sich dadurch in den letzten 20 Jahren die Arbeitsbedingungen verbessert hätten. Nur die Auditgesellschaften verdienen gut daran - das ist ein Milliardengeschäft! In Bangladesch und Pakistan wurden die Fabriken, die abbrannten oder einstürzten auf die Einhaltung von Sozialstandards geprüft, aber erst im Nachhinein wurde bekannt, dass es keine Fluchtwege wie z.B. Feuerleitern gab.

Ist die Textilproduktion und die Textilbranche transparent genug?

In den meisten Fällen leider nicht. Die Auditberichte (Berichte der fabrikinternen Überprüfungen bzgl. Sicherheitsbedingungen, Arbeitsbedingungen etc.) der Fabriken werden nicht veröffentlicht, sondern werden den Auftraggebern ausgehändigt - also in der Regel den Fabriken. Nur eine Fabrik mit (positiven) Audit bekommt auch Aufträge. Daher kommt es auch vor, dass diese Berichte manipuliert werden. Arbeiter_innen oder die Gewerkschaften bekommen diese Ergebnisse nicht zu sehen.

Was ist ein Sozialaudit? Was sind die Kritikpunkte an den Audits?

Mitte der 90iger Jahre wurden die ersten Sozialaudits durchgeführt. Aufgrund der Kritik an den katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Kleidungsfabriken der Niedriglohnländer legten sich einige große Unternehmen einen Verhaltenskodex zu und ließen seine Einhaltung in den Fabriken ihrer Zulieferer prüfen.

Inzwischen hat sich eine regelrechte Industrie von Sozialaudits entwickelt, in der Consultingunternehmen gut verdienen: Jährlich werden Tausende von Audits von Hunderten von Produzenten und Händlern in Auftrag gegeben. Einige Unternehmen haben die begrenzte Wirksamkeit eines Ansatzes eines einzelnen Unternehmens erkannt und haben sich Multistakeholder Initiativen angeschlossen, um gemeinsam mit anderen Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen (NRO) und Gewerkschaften neue Ansätze zu erproben.

Die Kritikpunkte an Sozialaudits sind:

  • Sozialaudits können sichtbare und leicht zu korrigierende Aspekte wie fehlende Feuerlöscher, versperrte Fluchtwege, mangelnde Luftzirkulation, unzureichendes Licht etc. feststellen. Wesentliche Probleme wie Fehlen der Organisationsfreiheit, erzwungene Überstunden, ausfallendes Benehmen von (meist männlichen) Aufsehern, Zurückhalten von Lohn und Krankheitsurlaub oder diskriminierende Praktiken bei Einstellung und Beförderung werden in der Regel jedoch gar nicht aufgedeckt. Fabrikmanager lassen Gewerkschaften in der Regel nicht zu, organisieren aber manchmal „workers committees“, wobei deren Mitglieder oft von der Fabrikleitung ernannt und nicht von den Beschäftigten gewählt werden.
  • Arbeiterinnen und ihre Organisationen werden bei Sozialaudits marginalisiert. Gewerkschaften und NRO außerhalb der Fabriken werden in der Regel nicht befragt, obwohl sie regelmäßigen Kontakt zu den Näherinnen haben.
  • Sozialaudits geben nur einen punktuellen Einblick in die Arbeitsverhältnisse zum Zeitpunkt des Audits und ermöglichen keinen Überblick über einen längeren Zeitraum. Sie sind in der Regel zu kurz (Stunden bis 1-2 Tage) und zu oberflächlich. Innerhalb einer kurzen Zeit müssen die Auditoren ihre Checkliste abarbeiten. Deshalb können sie auch grundlegende Probleme in einer Fabrik selten feststellen.
  • Sozialaudits werden häufig Tage vorher angekündigt, womit die Fabriken Zeit haben, sich vorzubereiten (z.B. Schaffung von sauberen Toiletten, freie Fluchtwege, Fälschung von Unterlagen, etc.).
  • Sozialauditoren lassen sich von den Fabrikbesitzern bestechen.
  • Fabrikmanager betrügen Sozialauditoren auf vielfache Weise, z. B. werden Belege gefälscht, um Überstunden zu verstecken oder Auditoren in eine Vorzeigefabrik geführt während die Hauptarbeit in anderen Fabriken stattfindet.
  • Arbeiterinnen werden angewiesen, wie sie auf Fragen der Auditoren antworten sollen: „Die Arbeiterinnen werden angehalten zu erklären, dass in ihrer Fabrik keine Kinderarbeit existiert, dass die Arbeitsatmosphäre angenehm sei, der Lohn pünktlich gezahlt würde. Sie sollen erzählen, dass sie regelmäßig Urlaub erhalten, keine erzwungenen Überstunden leisten und auch nicht nachts arbeiten müssen.“
  • Nach der Durchführung von Audits wird zwar in der Regel ein „corrective action plan“ erstellt, der aber oft nicht von den Unternehmen nachgehalten wird. Da selten Beschwerde-Mechanismen bestehen, gibt es für die Beschäftigten keine Möglichkeit, Beschwerden nach dem Audit vorzubringen.
  • Die Einkaufspraktiken der Einkäufer aus den USA oder Europa werden nicht  im Rahmen des Sozialaudits einbezogen bzw. hinterfragt (Preisdruck, kurze Lieferzeiten), sondern die Verantwortung für die Einhaltung von Sozialstandards wird auf die Produzenten abgeschoben.
  • Die Auditindustrie ist intransparent und nach außen geschlossen. Methoden und Ergebnisse von Audits werden nicht veröffentlicht.

(Quelle: Burckhardt (Hg), Mythos C$R, S.119ff)



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