Reisebericht Indien vom 23. bis 30.08.2015 von Gisela Burckhardt

Allgemeine Eindrücke: Bunt, jung und vibrierend

Wie immer bin ich zunächst fasziniert vom Vibrieren dieser Gesellschaft. Es ist ein Wuseln und Hupen, viel Krach um einen herum, viel Leben, große Leuchtreklamen, bunte Gewänder der Frauen und vor allem viel Jugend. Man sieht kaum ältere Menschen auf den Straßen und merkt, wie alt unsere Gesellschaft in Europa ist. Das Wetter ist angenehm warm und nicht zu heiß um diese Jahreszeit, manchmal war mir sogar kühl, vor allem im eisgekühlten Zug. Zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass die Bekleidungsgeschäfte in der Innenstadt vor allem Männerkleidung zeigen, zumindest im Eingangsbereich und erst im Untergeschoss die Damenkleidung – das ist doch interessant! Denn hier kaufen vor allem die Männer ein, oft auch für ihre Frauen...

Trends in der Bekleidungsindustrie in Indien: Geprägt von Arbeitskräftemangel und Akkordarbeit

70% der Fabriken produzieren für den lokalen Markt, also nicht für den Export.

Fabrik etwas außerhalb von Bangalore. Hier haben die Stühle immerhin RücklehnenFabrik etwas außerhalb von Bangalore. Hier haben die Stühle immerhin Rücklehnen.Es herrscht Arbeitskräftemangel. Da die Frauen so schlecht bezahlt werden (ca. 6000,- INR/Monat, das sind ca. 80 EUR), gehen junge Frauen lieber in Cafés, wo sie besser verdienen. Deshalb sieht man erstaunlich viele ältere Frauen in den Fabriken. Viele Fabriken in der Stadt schließen und ziehen aufs Land, also zu den Arbeitskräften. Das ist nur ein Trend, natürlich befinden sich immer noch ca. 1200 Fabriken in Bangalore, darunter zehn große, die jede zahlreiche „units“ (Fabriken) haben. Laut Cividep, unserer Partnerorganisation, produzieren diese zehn Großen rund ¾ der Bekleidungsproduktion Bangalores. Höchstens eine dieser Fabriken hat eine Crèche, also eine Kinderkrippe.

Eigentlich müsste der Arbeitskräftemangel für die Frauen gut sein, denn so könnten sie höhere Löhne verlangen. Die Löhne werden jedoch von der Regierung festgelegt und nicht in Tarifverhandlungen. Hier zeigt sich die Schwäche der Gewerkschaften, die es bisher noch nicht schafften, als Tarifpartner anerkannt zu werden. Die Schwäche der Gewerkschaften rührt daher, dass der Sektor fast nicht organisiert ist. Da Fabrikbesitzer Gewerkschaften grundsätzlich ablehnen, wird die Arbeit von Gewerkschaften zusätzlich erschwert.

Die Akkordarbeit – Bezahlung nach Stück – nimmt zu. Diese Arbeit wird von Frauen gemacht, die über einen Contractor – Vermittler – bezahlt werden. Die Bezahlung ist höher und die Frauen werden auch besser von den Aufsehern behandelt, da es ja an ihnen selbst liegt, wie schnell sie arbeiten und dementsprechend wie viel sie verdienen (interessanter Nebenaspekt). Dafür aber werden für diese Frauen keine Sozialabgaben geleistet, langfristig sind sie also schlechter gestellt.

Die Arbeitszeiten in Bangalore betragen rund 8 Stunden – im Vergleich zu Bangladesch, wo die Frauen 10 Stunden arbeiten müssen, ist das besser. Überstunden –meist erzwungen – gibt es aber auch hier.

Das größte Problem sind die zu niedrigen Löhne. Cividep hat berechnet, dass die Frauen dreimal so viel benötigen würden, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können.

Kumari – eine Frau, mit der ich sprach – ist Näherin in einer Fabrik. Sie hat zwei Kinder, 7 und 3,5 Jahre alt. Das 7 Jahre alte Kind geht in die Grundschule von 8-15.30 Uhr, das Kleinkind gibt sie von 8-14 Uhr in eine Art Krippe. Nachmittags sind die Kinder allein zu Hause, denn Kunari kommt erst um 18.30 Uhr nach Hause. Selbst das Kleinkind ist sich selbst überlassen! Kunari verdient 7.500 INR, wenn sie nie frei nimmt. Kosten hat sie folgende: Miete: 2.000 INR, Schulgeld 2.500 INR, Kitageld 1.000 INR, also zusammen 5500 INR. Es bleiben ihr faktisch nur 2.000 INR für die Ernährung. Sie hat angeblich einen Ehemann, sagte aber nicht, ob er etwas verdient. Viele Männer trinken und schlagen ihre Frauen, häusliche Gewalt ist häufig. Kunari bekam Tränen in die Augen, als sie mir erzählte, sie habe nichts als ein Zimmer, nicht einmal einen Fernseher, denn alles gibt sie für die Erziehung ihrer Kinder aus.

Nach wie vor stellen sexuelle Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen sowohl in der Fabrik als auch zu Hause ein weiteres großes Problem dar, unter dem sehr viele Frauen leiden.

Spielzeug war in den „Kitas“ nicht zu sehenSpielzeug war in den „Kitas“ nicht zu sehenSchließlich stellt auch die nicht ausreichende Kinderbetreuung ein großes Problem dar. Die meisten Frauen lassen daher die Kinder entweder im Dorf, aus dem sie kommen, bei ihren Eltern oder in einem „Anganwadi“ – Kindergarten – in der Siedlung, in der sie wohnen. Die Anganwadis sind staatlich, kosten aber auch Geld und sind oft nur Aufbewahrungsorte.

Die Regierung Modi hat eine Überarbeitung des Arbeitsgesetzes unterbreitet, um angeblich die vielen verschiedenen Regulierungen zusammenzuführen und Bürokratie abzubauen. Ein Aspekt dabei ist, dass von der Einzahlung in den Provident Fund (Rente) 30% Steuern abgezogen werden, wenn die Frauen nicht beantragen, dass dies nicht geschieht! Um die Freistellung zu beantragen, muss man eine Steuerkarte haben. Diesehaben die Frauen jedoch nicht, weil sie wegen ihres niedrigen Lohns keine Steuern zahlen. Es ist möglich, eine Steuerkarte dennoch zu beantragen. Dies ist aber mit viel Aufwand verbunden, da hierfür alle möglichen Papiere vorgelegt werden müssen. Faktisch also hat man eine Regelung eingeführt, die die Frauen um ihre Rente betrügt.

Das Sumangali-System in Tamil Nadu: ein anhaltendes Thema

Ehemalige Sumangali-Mädchen winken zum AbschiedEhemalige Sumangali-Mädchen winken zum Abschied.In den letzten vier Jahren starben 84 Mädchen offiziell, die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher. Einige der Mädchen (15%) begingen Selbstmord, die meisten (ca. 80%) hatten einen tödlichen Unfall, bei 5% weiß man nicht, ob es Mord oder Selbstmord war. Im letzten Monat Juli gab es allein sieben Tote.

76% der Frauen leben in den Hostels der Spinnereien, da sie meist von weiter her kommen. Die Spinnereien liegen oft abgelegen auf dem Land und sind von Mauern umgeben. Man kommt als Fremder nicht rein und die Mädchen kommen kaum aus dem Gelände des Unternehmens raus. In kleinen angegliederten Läden können sie etwas einkaufen.

Lokale NGOs arbeiten eng im Bereich Advocacy und Lobbyarbeit zusammen. Sie wenden sich an die Regierung auf nationaler, regionaler (Staat Tamil Nadu) und Distriktebene. Es gab eine öffentliche Anhörung zu 42 Sumangali-Fällen. Allein dass diese Anhörung stattfindet, ist schon ein Erfolg der Zivilgesellschaft. Oft nämlich arbeiten Spinnereien und Polizei zusammen und die Sumangali-Fälle werden nicht bekannt.

30.08.2015


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