Schwer verletzt auf der Flucht: Zwei Mädchen retten sich aus einer Sumangali-Spinnerei

READ-Mitglieder demonstrieren gegen Sumangali. Foto: © READREAD-Mitglieder demonstrieren gegen Sumangali.
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Mit einem Sprung über eine vier Meter hohe Fabrikmauer sind zwei junge Frauen aus einer südindischen Spinnerei geflohen. Diese ist dafür bekannt, das Camp-Labour-System (ehemals Sumangali) zu praktizieren. Dabei arbeiten junge Mädchen unter sklavenähnlichen Bedingungen in Baumwollspinnereien. Zahlreiche Überstunden, eine Bezahlung weit unter dem Mindestlohn, Diskriminierungen, sexuelle Übergriffe sowie fehlende Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften machen den Mädchen das Leben zur Hölle. Bei dem Fluchtversuch verletzten sich die beiden Mädchen schwer. Unsere Partnerorganisation READ (Rights Education and Developement Centre) hat den Fall aufbereitet.

Die beiden Mädchen, Ranjitha (18, aus Kumbakonam) and Pavithra (17, aus Thiruvallur), stammen aus sehr armen Verhältnissen. Ihre Eltern drängten sie dazu, ihre Ausbildung vorzeitig zu beenden und die Familie finanziell zu unterstützen. Ein Arbeitsvermittler versprach gute Jobs in der Textilindustrie und vermittelte die Mädchen an eine Spinnerei in Vedasandur (Südindien), die eine Unterkunft auf dem Fabrikgelände bereitstellte. Nur wenige Monate später konnten die Mädchen die Situation nicht mehr ertragen und beschlossen, die Spinnerei zu verlassen. Die Manager kamen diesem Wunsch nicht nach. Daraufhin wurden die Mädchen körperlich und seelisch misshandelt. Zudem untersagten sie ihnen, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen. Diese Umstände führten zu der lebensgefährlichen Flucht über die Mauer der Spinnerei. Durch den Sturz verletzten sich die Mädchen schwer und konnten sich mit letzter Kraft zur nächst gelegenen Straße schleppen, wo sie bewusstlos aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht wurden.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Das Sumangali-System ist weit verbreitet, wird von den Unternehmen und den Produzenten jedoch geleugnet. FEMNET arbeitet seit Jahren zu diesem Problem und hat kürzlich einen Projektvorschlag von READ in das Bündnis für nachhaltige Textilien (Textilbündnis) eingebracht. Mehr Infos unter: www-femnet-ev.de/moderne-sklaverei.

Die beiden jungen Frauen richteten sich an READ, die eine Petition an die Verwaltung initiierten und sie aufforderten, diese furchtbare Praxis in der Textilbranche gesetzlich zu unterbinden.

Die Forderungen im Einzelnen:

  1. Die Bezirksverwaltung soll eine Untersuchung in der betroffenen Spinnerei anordnen und die Mädchen aus der Zwangsarbeit befreien.
  2. Die beiden schwer verletzten Mädchen müssen entschädigt werden.
  3. Verstärkte staatliche Kontrollen sollen die Auszahlung von Mindestlöhnen und die Einhaltung von Sozialversicherungsmaßnahmen gewährleisten.
  4. Arbeitsverträge sollen überprüft werden. Im Falle von Arbeitsrechtsverletzungen muss die Bezirksverwaltung rechtliche Schritte gegen das Fabrikmanagement einleiten.
  5. Die Unterkünfte auf dem Fabrikgelände müssen – wie gesetzlich verordnet –registriert sein.
  6. In allen Spinnereien soll ein interner Ausschuss eingerichtet und gestärkt werden, gemäß der Verordnung „The Sexual Harassment of Women at Work Place (Prevention, Prohibition and Redressal) Act 2013.“

 

 Stand: Juli 2016


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