09.08.2013: Bericht von Gisela Burckhardt über ihren Aufenthalt in Bangladesch im Juli 2013

Rana Plaza

Das Hochhaus mit 5 Fabriken war am 24. April 2013 eingestürzt. 1243 Menschen konnten nur tot geborgen werden. Tausende Verletzte wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht, vielen waren Beine oder Arme amputiert worden, nur so konnten sie aus den Trümmern befreit werden.

Die offiziellen Zahlen der Regierung lauten:

1142 Tote
316 Vermisste
291 nicht Identifizierte
2.438 lebend Gerettete
363 Personen, die an Armen oder Beinen verletzt sind
205 Personen mit verletztem Rückgrat oder verletzter Hüfte
288 Personen mit mentalen Problemen

Der Unglücksort liegt in Savar, nördlich von Dhaka. Rana Plaza war ein relativ neu gebautes Hochhaus und sah von außen solide aus. Heute ist es eine Ruine, Teile der glitzernden Vorderfront stehen noch. Die Regierung von Bangladesch schloss nach dem Einsturz von Rana Plaza bisher acht Fabriken aufgrund von Mängeln an Gebäuden.

Die Gewerkschaft NGWF organisierte, drei Monate nach dem Unglück, am 24. Juli 2013, eine Kundgebung von ca. 200 (Halb)Waisenkindern mit ihren Verwandten, an der ich teilnahm. Ich konnte viele Betroffene – Waisenkinder und Verletzte – befragen.

Besuch der ausgebrannten Fabrik Tazreen

abgebrannte-Tazreen-Fabrik-112bDie Fabrik liegt fast idyllisch zwischen Bananen Plantagen. Im November 2012 war sie abgebrannt und über 112 Menschen sind in Flammen umgekommen. Man konnte überall noch die Brandspuren und zerbrochenen Fensterscheiben und sogar große Löcher in den Wänden sehen, dort wo einmal die Ventilatoren hingen. Arbeiter hatten versucht die Ventilatoren herauszureißen, um auf diese Weise aus der Fabrik springen zu können, da ja alle Fenster vergittert waren. Viele Menschen sprangen in den Tod oder verbrannten in den Flammen. Später traf ich einige Frauen, die aus dem Fenster gesprungen waren und sich verletzt hatten. Viele waren auch an einem Bambusstab heruntergeklettert, da an der Fabrik ein Gerüst für Arbeiten an der Außenwand stand. Die Frauen konnten sich aber schlecht an den Bambusstäben festhalten und fielen von hoch oben hinunter auf das Dach von Wohnräumen. Die Verletzungen sind oft grauenhaft. Bis heute wurde der Besitzer von Tazreen nicht festgenommen!

Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen und Verletzten von Tazreen und Rana Plaza

Ein Treffen des internationalen Gewerkschaftsdachverbands IndustriALL und IndustriALL Bangladesch mit den Unternehmen im August 2013 wurde kurzfristig aufgrund einer Krankheit abgesagt und ist auf September verschoben worden. Es ist bedauerlich, dass nach über drei Monaten immer noch keine klaren Zusagen bestehen. Während mehrere Unternehmen immerhin die Bereitschaft zu Entschädigungszahlungen signalisiert haben, hüllt sich der größte Einzelhändler der Welt, Walmart, in Schweigen.

Bisherige Zahlungen an Betroffene laut Auskunft unserer lokalen Partner:

  • Der Unternehmensverband BGMEA zahlte ein bis zwei Monatslöhne an die verletzten Arbeiter_innen und gar nichts an die Angehörigen der Toten.
  • Die 5 Fabrikbesitzer, die jeweils auf einer Etage von Rana Plaza produzieren ließen, können angeblich gar nichts zahlen, denn sie sollen pleite sein und sitzen im Gefängnis.

Accord (Abkommen) über Gebäude- und Brandschutz

Dieses Abkommen ist inzwischen von rund 80 Unternehmen unterschrieben worden und wird überall begrüßt. Am 29. Juli soll es ein erstes Treffen des Steuerungskomitees gegeben haben. Der Akkord basiert auf dem ILO Tripartite Statement. Die EU und die USA unterstützen den Akkord. Der US-Gouverneur George Miller, der Bangladesch besuchte, sprach sich ebenfalls für den Accord aus.

  • Grundsätzlich wird der Accord von meinen Gesprächspartnern begrüßt, aber folgende Kritik gibt es daran:
  • Es beteiligen sich nur rund 80 Unternehmen, die rund 1000 – 1.700 (genaue Zahl ist noch nicht bekannt) Fabriken/Zulieferer in Bangladesch haben. Es ist nicht gut, dass die USA eine separate Initiative gegründet haben.
  • Die Regierung sollte Teil des Abkommens sein, sie sollte zumindest im Steuerungskomitee sein.
  • Lokale Nichtregierungsorganisationen sind auch nicht Unterzeichner des Abkommens. Sie wurden bisher nicht dazu gebeten.
  • Es besteht die Gefahr, dass viel Geld in die Verwaltung des Accord gehen wird, also viel Geld oben verbraucht wird und nicht in den Fabriken ankommt.
  • Von dem Abkommen profitieren vor allem die Fabrikbesitzer, aber bisher nicht die Arbeiterinnen, zum Beispiel sollte die Fabrik wenigstens ein Essen stellen.

Mindestlohn

Die Regierung sagte unter dem internationalen Druck nach Rana Plaza zu, den Mindestlohn anzuheben. Dafür wird ein Komitee eingerichtet und es dauert immer Monate, bis der neue Lohn festgesetzt wird. Er soll aber rückwirkend zum 1. März ausgezahlt werden. Die Gewerkschaften verlangen derzeit 8-10.000 Taka, also 80-100 €, als neuen Mindestlohn. Laut einer Untersuchung des Bangladesh Institute of Labour Studies (BILS) belaufen sich die Lebenshaltungskosten für eine vierköpfige Familie derzeit auf 12458 Taka (also ca. 124 EUR) im Monat. Zu einer ähnlichen Berechnung kam auch die Asia Floor Wage Campaign (12248 Taka) schon im Jahr 2011. Die Forderungen der Gewerkschaft sind also als äusserst moderat anzusehen.

 

Gisela Burckhardt, 9.8.2013


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