24.07.2013: Drei Monate nach dem Einsturz des Hochhauses Rana Plaza

Protestaktion der NGWF am 24.07.2013 mit Waisen der Fabrikunglücke. Foto: © Gisela BurckhardtProtestaktion der NGWF am 24.07.2013 mit Waisen der Fabrikunglücke.
Foto: © Gisela Burckhardt
Im Juli 2013 reiste Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von FEMNET, nach Bangladesch und traf dort VertreterInnen der Textilarbeitergewerkschaft NGWF, beteiligte sich an Protestaktionen, sprach mit Betroffenen und war bei der Ausgabe von FEMNET-Hilfsgeldern an die Opfer des Unglücks anwesend. Sie berichtet ausführlich zur aktuellen Situation in Bangladesch und den Entschädigungsverhandlungen.

Der Stand der Entschädigungszahlungen

Dreieinhalb Monate nach dem Einsturz des Hochhauses Rana Plaza mit fünf Fabriken und 1127 Toten und über 1600 verletzten Überlebenden im April 2013 gibt es immer noch keine Entschädigungen von den meisten Unternehmen.Nur Primark hat reagiert und über 3.300 Menschen eine Entschädigung von 15.000 Taka (150,- EUR) ausgezahlt. Entschädigungsverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen sollen endlich im September beginnen. Die Entschädigungssumme für die Tazreen Geschädigten wird derzeit auf 5.7 Mio USD und die für die Rana Plaza Geschädigten auf 71 Mio USD (54 Mio EUR) geschätzt. Diese Summen sollten die Unternehmen/Einkäufer zu 45% tragen, der Rest wird zwischen Regierung, lokalem Unternehmensverband und Fabrikbesitzern in Bangladesch aufgeteilt.

Die Regierung von Bangladesch hat die Krankenhauskosten zwar übernommen, nicht jedoch die Kosten für die Medikamente. Die aber sind teilweise teuer und die Menschen wissen nicht, wie sie sie bezahlen sollen und müssen sich dafür teilweise verschulden. Außerdem hat die Regierung 20.000 Taka (200,- EUR) an die Familienangehörigen der Toten ausgezahlt. Während es einerseits noch nicht identifizierte Opfer (291) und Vermisste (316) – Zahlen der Regierung – gibt, bekommen andererseits Angehörige von Opfern keine Entschädigung, wenn sie keine Beweise vorlegen können, dass die Person in der Fabrik gearbeitet hat. Viele Arbeiterinnen hatten keinen Arbeitsvertrag sondern nur eine Identifikationskarte, die sie aber beim Unglück bei sich trugen. Ihre Verwandten haben nichts in der Hand. Die Fabriken wiederum führen nicht immer eine akkurate Liste ihrer Beschäftigten.

Die Partnerorganisation NGWF von FEMNET hat eine Protest-Versammlung am 24.7.2013 in Dhaka abgehalten – drei Monate nach dem Einsturz. An der Versammlung nahmen viele Waisenkinder teil. NGWF-Präsiden Amirul Haque Amin kritisierte, dass die US-Multis Walmart und GAP, sich weigern, das Gebäudesicherheits- und Brandschutzabkommen für Bangladesch zu unterschreiben. Stattdessen haben sie ein nicht bindendes Abkommen verabschiedet, das sie letztlich zu nichts verpflichtet. Dies ist empörend, immerhin ist Walmart der größte Einzelhändler der Welt.
 
Gisela Burckhardt konnte am 24.7. an der Versammlung in Dhaka teilnehmen und Interviews mit den Angehörigen von Waisen führen. Im Rahmen ihres Aufenthalts übergab sie auch die Spenden für Verletzte und Angehörige von Opfern sowohl von Tazreen als auch von Rana Plaza, darunter befanden sich die Angehörigen von 49 (Halb)Waisenkindern.

Opfer berichten

Rita, 23 Jahre alt, mit einem sechsjährigen Sohn erzählt ihre Geschichte: Sie arbeitete auf dem 3. Stock bei der Fabrik Phantom, als das Gebäude einstürzte. Sie verlor einen Arm und hatte noch Glück, denn sie konnte gerettet werden, weil ein Hohlraum ihren Körper schützte.

Shila, ebenfalls 23 Jahre alt, Witwe, da ihr Ehemann bei einem Unfall starb, wurde erst nach 16 Stunden, die sie unter den Trümmern überlebte, gerettet. Allerdings musste ihr ein Bein oberhalb des Knies abgetrennt werden, sonst hätte man sie nicht retten können. Sie hat eine Beinprothese erhalten und kann inzwischen damit schon ein wenig laufen.


 

Ridon, 27 Jahre alt, arbeitete im 7. Stock bei New Wave Style. Er fiel beim Einsturz der Fabrik in die Tiefe, zahlreiche tote Körper fielen auf ihn, berichtet er. Sein Rückgrat wurde verletzt, er lag ein Monat im Krankenhaus, wo er sich durch eine Nadel zusätzlich noch eine Infektion an der Hand holte.

Der „Held“ von Rana Plaza

Gisela Burckhardt traf auch den „Helden“ von Rana Plaza, Didar Hossain, 26 Jahre, ein schmächtiger, dünner Textilarbeiter, der in einer Fabrik gegenüber von Rana Plaza arbeitete, als das Gebäude zusammenstürzte. Er lief sofort hinüber und weil er so dünn ist, konnte er gut in die Trümmer hineinklettern. Er rettete 34 Menschen. Er brachte ihnen Wasser und etwas zu essen und bohrte Löcher, durch die sie dann ins Freie gelangen konnten. Allein 14 Menschen fand er unverletzt in einem Hohlraum, aber eingeschlossen von Trümmern. Auch Anna, einem Mädchen von 12-13 Jahren, rettete er das Leben. Sie flehte ihn an, dass er ihre Hand abschneiden sollte, da sie eingequetscht unter den Trümmern war. Es war für beide furchtbar.

Didar hat eine Frau und zwei Kinder im Alter von 6 und 8 Jahren. Seine Frau arbeitete auch als Näherin, doch ihre Fabrik wurde geschlossen, jetzt ist sie ohne Arbeit. Didar verdient rund 57,- Euro ohne Überstunden und kommt auf bis zu 80,- EUR mit Überstunden im Monat. Davon muss er alle Familienmitglieder ernähren und Schulgebühren für die Kinder zahlen. Er wohnt mit seiner Familie in einem kleinen Zimmer. In dem Zimmer stehen ein großes Bett für alle vier, ein Eisschrank und ein Fernseher. Damit ist das Zimmer komplett ausgefüllt, man hat gerade noch Platz, um sich auf das Bett zu setzen. Für Miete und Strom zahlt er 22,- Euro. Nach Abzug der Schulgebühren bleiben ihm und der Familie rund 50,- EUR im Monat für das Essen. Für diesen Hungerlohn muss er täglich 10 bis 12 Stunden arbeiten.

Von der Regierung erhielt er bisher keinerlei Anerkennung, dass er 34 Menschen das Leben rettete.

Überarbeitung des Arbeitsgesetzes

Der internationale Druck nach dem Einsturz von Rana Plaza war sehr groß, so dass die Regierung von Bangladesch die Überarbeitung des Arbeitsgesetzes beschleunigte. Mit den Zusätzen ist es jetzt leichter möglich, dass in den Fabriken Gewerkschaftern gegründet werden können. Die NGWF hat inzwischen schon in der kurzen Zeit sechs neue Betriebsgewerkschaften gründen können. Dennoch bleiben folgende Aspekte kritisch:

  • Es bleibt die Vorgabe, dass 30% aller Beschäftigten in einer Fabrik organisiert sein müssen, damit die Gewerkschaft anerkannt wird. Da die Fabriken Hunderte bis zu 1000 Arbeiterinnen haben, ist dieser Prozentsatz viel zu hoch angesetzt, die Gewerkschaften fordern 10%.
  • Gewerkschaften haben immer noch kein Recht auf Zutritt in eine Fabrik. Es ist ihnen nicht erlaubt, Versammlungen während der Arbeitszeit abzuhalten.
  • Ehemalige Arbeiterinnen einer Fabrik dürfen nicht mehr der Gewerkschaft angehören.

Pro Fabrik können bis zu drei Gewerkschaften antreten. Aber die Angriffe auf die aktiven Arbeiterinnen werden weiter bestehen und sie müssen befürchten, entlassen zu werden. Streiks können von der Regierung beendet werden, wenn sie „dem Gemeinwohl schaden“. In den Exportproduktionszonen (ca. 400 Fabriken von 5000 sind dort angesiedelt) sind Gewerkschaften weiterhin verboten.

Das neue Arbeitsgesetz enthält auch einen Passus gegen Diskriminierung, bleibt aber allgemein und sieht keine Maßnahmen gegen die weit verbreitete sexistische Gewalt gegen Frauen in den Fabriken vor.

Mit Unterstützung durch die ILO will die Regierung mehr Fabrikinspektoren einstellen. Die lächerliche Zahl von 51 Inspektoren für rund 5.000 Fabriken soll auf 200 erhöht werden. Die Erhöhung der Zahl führt aber nicht automatisch zu einer besseren Kontrolle, wenn die Inspektoren nicht entsprechend ausgestattet werden und Vollmachten erhalten.

 

Gisela Burckhardt, 9.8.2013


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