Reisebericht Bangladesch vom 30.08. bis 07.09.2015 von Gisela Burckhardt

Allgemeine Eindrücke: viel Regen und Verkehrschaos

Rikschafahrer in DhakaRikschafahrer in DhakaNoch nie war ich in der Monsunzeit in Bangladesch. Es kann stundenlang in Strömen regnen, die Straßen stehen unter Wasser, da die Kanalisation unzureichend ist, das Wasser kann nicht abfließen. Die Rikschafahrer stehen teilweise bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Sie fahren im Regen, während die Gäste auf der Rikscha durch eine Plastikplane vorne und ein Dach über der Rikscha vor dem Regen geschützt sind.

Durch den Regen vergrößert sich das bestehende Verkehrschaos. Man kann bis zu 4 Stunden auf einer Strecke stehen, für die man ohne Verkehrsstau 20 Minuten braucht. Im Stau stehen bedeutet: eng an eng stehen Lastwagen neben Rikschafahrern, jeder Wagen schlängelt sich in einen sich eröffnenden Zwischenraum, es herrscht das Recht des Stärkeren. Busse und Lastwagen haben Vorfahrt, ständig wird gehupt, rote Ampeln werden nicht beachtet, den Verkehr regelt ein Polizist nach Gutdünken. Die Straßen haben bis zu sechs Spuren auf einer Seite! Es brummt also und zwischen den Autos schlängeln sich die Menschen durch...

Die Bevölkerung ist in Bangladesch überwiegend jung, was sich auch im Straßenbild widerspiegelt. Für viele Männer ist die Rikscha das einzige Einkommen, es gibt Tausende, die durch die Straßen fahren.

Entwicklungen im Textilsektor: zwei Jahre nach Rana Plaza eher Stillstand

Näherinnen nach ArbeitsschlussNäherinnen nach ArbeitsschlussEs gibt offenbar eine Rückentwicklung. Während bei meinem Besuch 2014, im Jahr nach Rana Plaza, der Schock noch immer tief saß und die Bereitschaft zu Reformen bei der Regierung vorhanden war, hat dies nun abgenommen. So wurde nach Rana Plaza aufgrund des Drucks aus den USA das Arbeitsgesetz überarbeitet, aber die Durchführungsbestimmungen für das Gesetz fehlten bislang, erst vor kurzem (Ende September) wurden sie verkündet. Ich habe sie noch nicht gelesen, sie sollen aber sehr arbeitgeberfreundlich sein, also kein Fortschritt.

Der Mindestlohn von rund 60,- EUR/Monat wird in den meisten Fabriken inzwischen bezahlt. Dafür wird dann aber in einigen Fabriken an den Zulagen gespart. Offenbar wurde auch das Produktionssoll in einigen Fabriken stark erhöht, womit unvermeidlich Überstunden einhergehen. Mutterschaftsurlaub oder Urlaub werden trotz gesetzlicher Vorgaben oft nicht gewährt.

Die Verantwortlichen von Rana Plaza und Tazreen sind immer noch nicht verurteilt worden. Der Besitzer des Rana Plaza-Gebäudes Sohel Rana wurde zwar festgenommen, verbrachte aber 6 Monate nicht im Gefängnis, sondern bekam eine Sonderbehandlung in Form eines Hausarrests, bis die Proteste zu stark wurden. Der Besitzer von Tazreen, Delawar Hossein, konnte sich immer wieder auf Kaution freikaufen. Er läuft derzeit frei herum, sein Prozess soll am 1. Oktober 2015 beginnen (rund 3 Jahre nach dem Feuer in seiner Fabrik mit über hundert Toten!)

ACCORD und Alliance: Fortschritt in kleinen Schritten

ACCORD und Alliance sind die beiden Institutionen, die nach Rana Plaza ins Leben gerufen worden sind, um die Gebäudesicherheit und den Brandschutz zu verbessern. Den ACCORD haben rund 200 vor allem europäische Unternehmen unterzeichnet, deren rund 1600 Produzenten in Bangladesch einer strikten Kontrolle unterzogen wurden. Die Alliance wurde vor allem von US-amerikanischen Unternehmen (Walmart, Gap) gegründet, weil ihnen der ACCORD zu verbindlich und weitreichend war. Hier wurden rund 550 Fabriken geprüft. Diese Zahl ist zwar geringer als die des ACCORD, das Auftragsvolumen dieser Fabriken ist aber sehr hoch. Bisher war die US-geführte Alliance gut bei der Regierung angesehen und der etwas striktere ACCORD bekam alle Kritik ab. Nun hat die Regierung auch die Alliance kritisiert, der Unternehmensdachverband BGMEA hat sich sogar aus dem Vorstand verabschiedet. Eine interessante Entwicklung.

Ohne jeden Schutz reparieren die Männer einen Kurzschluss. Außerdem: Hier wird gerade ein weiteres Stockwerk auf das Haus gesetzt      Ohne jeden Schutz reparieren die Männer einen Kurzschluss. Außerdem: Hier wird gerade ein weiteres Stockwerk auf das Haus gesetzt Die ersten Inspektionen von Fabriken wurden inzwischen alle durchgeführt, jetzt geht es um das Nachhalten der Korrekturmaßnahmen. Dafür hat der IFC (International Finance Corporation) 50 Mio. US-Dollar zur Verfügung gestellt, auch die japanische Entwicklungsorganisation JICA hat Mittel (12,5 Mio. US-Dollar) bereitgestellt, doch die Fabrikbesitzer wollen die Kredite nicht. Die großen benötigen sie nicht, denn sie können die Maßnahmen selber finanzieren, und die mittleren und kleinen Unternehmen fürchten, dass es ein schlechtes Image auf sie wirft, wenn sie Kredite beantragen, und fürchten um ihre Aufträge. In der bangladeschischen Zeitung New Age stand, dass Alliance den Fortschritt als „langsam“ bezeichnet, nur 32% der geforderten Maßnahmen im Bereich Gebäudeschutz und -sicherheit werden von den Fabriken umgesetzt : „A recent sample inspection of factories found that only 32% of the required remediation activities had been carried out.“(New Age BD). Auch scheinen mehrere kleine und mittelgroße Fabriken geschlossen worden zu sein, nicht unbedingt auf Veranlassung von ACCORD oder Alliance, sondern weil Einkäufer z.B. keine Aufträge mehr in Multi-Purpose-Gebäuden platzieren. (Ein solches Gebäude war jenes in Rana Plaza: Das Gebäude gehörte Sohel Rana, der es an fünf Fabrikbesitzer (jeder eine Etage) vermietet hatte, unten im Gebäude befand sich die BRAC Bank.) Die Schließung von Fabriken hat die Entlassung von Tausenden von Arbeiter_innen zur Folge.

ACCORD und Alliance überprüfen zusammen nur rund 2.000 der insgesamt 4.500-5.000 Fabriken. Die anderen soll die Regierung überprüfen (mit finanzieller Unterstützung der ILO). Hier heißt es, dass die Inspektionen weniger strikt durchgeführt werden; es wurden über 200 neue Inspektoren (von der ILO) ausgebildet und eingestellt. Die ihnen zur Verfügung gestellte Infrastruktur soll noch ungenügend sein (GIZ hat Motorräder zur Verfügung gestellt).

Sowohl ACCORD als auch Alliance konzentrieren sich nur auf die Sicherheitsaspekte, wie Brandschutz, Elektrizität, Statik, verbessern aber nicht die Arbeitsbedingungen (Überstunden, zu niedriger Lohn, Frauendiskriminierung, Behinderung von Gewerkschaften). ACCORD enthält jedoch eine Komponente, wonach die Fabriken Health&Saftey Committees schaffen müssen. Hierfür müssen Wahlen durchgeführt werden. Dies ist ein neuer Prozess, denn bisher wurden die Arbeitervertreter_innen vom Management einfach bestimmt. Dazu soll es für die Arbeiter_innen jetzt Schulungen geben. Dieser Teil läuft jetzt aber erst an.

Auch die ILO hat in Bangladesch ein großes Büro und viel Geld von vielen Ländern bekommen. Sie macht viele Trainings für Gewerkschaftsmitglieder, die dann ihrerseits die Infos an die Arbeiter_innen weitergeben sollen.

Kritik an den Entwicklungen seit Rana Plaza

Wie oben dargestellt, hapert es bei der Umsetzung der Korrekturmaßnahmen in den untersuchten rund 2000 Fabriken von ACCORD und Alliance sowie den weiteren rund 1500 Fabriken unter Kontrolle der Regierung. Auch stellt sich die Frage, was mit den restlichen (rund 1000, genau kennt niemand die Zahl) Fabriken passiert, die für den internen Markt produzieren und noch nie geprüft wurden. Um diese kümmert sich bisher niemand.

Es gibt zwar inzwischen eine Database für Fabriken, aber eine für Gewerkschaften fehlt weiterhin. Zudem gibt es noch keine ausreichende Zahl an Inspektoren. Sultan Ahmed von BILS sagte: „Change in statement, not in attitude“. Er beklagt, dass die Entwicklung als zu positiv bezeichnet wird. Die EU zeige sich nicht konsequent und sollte Zollerleichterungen an Auflagen knüpfen.

Viele fragen sich auch, was in zwei Jahren passiert, also 2017, wenn ACCORD und Alliance auslaufen. Die Verträge werden von einigen als von außen aufgesetzt und nicht nachhaltig kritisiert. Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich nicht verbessert, die Beteiligung von Arbeiter_innen fehlt weiterhin. Das Umfeld hat sich nicht verändert, Gewerkschaften können nicht frei agieren. Selbst die wenigen Betriebsgewerkschaften, die es gibt, sind kaum funktionsfähig: Es gibt nur 15 Collective Bargaining Agreements (CBAs = Tarifverträge) im Land, also es gab kaum (Tarif)verhandlungen. Gewerkschaften dürfen in den Fabriken nicht frei arbeiten und können keine Versammlungen einberufen.

Gewerkschaften: ein Schritt zurück

Protest gegen Strom- und Gaspreiserhöhung am 1.9.2015 in Dhaka. NGWF bat mich mitzumarschierenProtest gegen Strom- und Gaspreiserhöhung am 1.9.2015 in Dhaka. NGWF bat mich mitzumarschierenNach Rana Plaza und dem Druck der USA auf Bangladesch, sein Arbeitsgesetz zu überarbeiten, wurde es leichter möglich, Betriebsgewerkschaften zu gründen („Betriebsräte“), es gibt inzwischen 432 (andere sprechen von über 300), wobei aber viele davon eher gelbe („Känguruh“) Gewerkschaften sind, also nicht die Interessen der Arbeiterinnen vertreten, sondern vom Management bezahlt werden. Laut Mr. Iftekar von Transparency International Bangladesch konnten Betriebsräte nur mit Hilfe von Bestechungsgeldern gegründet werden. Im letzten Jahr gibt es ein Rollback: Es ist für die Gewerkschaften zunehmend schwieriger, Betriebsräte zu gründen. Eine Registrierung wird nicht auf Basis von Fakten verweigert, sondern es werden fadenscheinige Gründe vorgebracht. Wenn das Arbeitsministerium die Gewerkschaft (Betriebsrat) nicht will, kann sie die Zulassung ohne Begründung verweigern. Hier herrscht Willkür.

Grundsätzlich müssen die Gewerkschaften dem Arbeitsministerium die Namen von allen eingeschriebenen Mitgliedern in einer Fabrik vorlegen. Nur wenn sie 30% der Belegschaft organisieren, werden sie als Gewerkschaft zugelassen. Das hat zur Folge, dass die großen Fabriken mit über 1000 Mitarbeiterinnen alle keine Gewerkschaft haben, da es kaum möglich ist, so viele Arbeiter_innen zu erreichen. Sobald die Fabrik die Namen der organisierten Arbeiter_innen vom Arbeitsministerium erfährt, entlassen sie sie.  Erst wenn die Gewerkschaft gegründet ist, haben die Betriebsräte einen gewissen Schutz. Allerdings steht dieser auch mehr auf dem Papier, denn Gewerkschafter_innen werden oft massiv von der Werkspolizei bedroht, teilweise auch geschlagen. Jede Fabrik kann zudem eine Arbeiter_in feuern, wenn sie 4 Monate vorher darüber informiert wird.

Besuche und persönliche Eindrücke: neue Existenzen, giftige Gerbereien und ein Positivbeispiel

Ich sah mir auch das CRP (Centre for the Rehabilitation of the Paralysed) an, das die GIZ unterstützt. Rana Plaza-Opfer wurden hier mit Prothesen versorgt. Die GIZ baut jetzt ein Schulungszentrum auf, in dem Prothesenhersteller ausgebildet werden (neu in Bangladesch). Das CRP liegt in Savar, außerhalb von Dhaka, dort wo auch Rana Plaza stand. Das Zentrum dient der Wiedereingliederung von Behinderten. Zahlreiche Programme werden aus dem Ausland unterstützt, 60% der laufenden Kosten finanziert das Zentrum selbst durch Gebühreneinnahmen oder indem sie einige ihrer Gebäude vermieten.

CRP nahm 509 Verletzte von Rana Plaza auf (90% Frauen) und vermittelte 392 von ihnen eine Ausbildung (elektronische Reparaturen, Kiosk, Viehzucht, Schneiderei). 386 Personenwurde ein Startkapital von 70.000 Taka (ca. 790,- EUR) zur Verfügung gestellt, das zum Einkauf von Nähmaschinen oder Eisschränken (für den Kiosk) verwendet wurde und drei Monatsgehälter einschloss. Dieses Programm hat die GIZ aus den 2,5 Mio EUR finanziert, die Entwicklungshilfeminister Müller Bangladesch nach Rana Plaza zur Verfügung stellte.

Gerberei in Hazaribagh, einem Stadtteil von DhakaGerberei in Hazaribagh, einem Stadtteil von DhakaIch besuchte auch zwei Überlebende, die heute beide jeweils einen Kiosk betreiben: Monir, der bei Phantom Apparel arbeitete, und Taslima, die bei New Wave/Style arbeitete. Das BSCI-Audit in meinem Buch ist aus der Fabrik Phantom Apparel. Monir bestätigte, dass es Kinderarbeit in der Fabrik Phantom Apparel gab, obwohl das TÜV-Audit keine Kinderarbeit bescheinigte (!). Sein Einkommen liegt heute bei 10-12.000 Taka/Monat, in der Fabrik verdiente er 8000,- Taka (als Quality Controller). Taslimas Kiosk läuft nicht so gut, sie verdient nur 5000,- Taka, früher verdiente sie in der Fabrik mit Überstunden rund 7000,- Taka.

Ein weiterer Besuch führte mich in einen Stadtteil von Dhaka, Hazaribagh, in dem sich die Gerbereien Dhakas befinden. Seit rund 10 Jahren will die Regierung die Gerbereien auslagern, denn die Gifte verseuchen den Stadtteil. Es war sehr beeindruckend, die großen Trommeln zu sehen, in denen die Felle gefärbt werden, es stinkt furchtbar und die Arbeiter stehen teilweise mit nackten Füßen in den giftigen Chemikalien. Die Gifte fließen ungeklärt in die Flüsse, in den Straßen sieht man rote Bäche. Das Leder wird vor allem nach China verkauft, früher ging es nach Italien. Aus Mangel an Platz können die Gerbereien in Hazaribagh keine ETP (Kläranlage) errichten, deshalb müssen sie in die Vororte verlagert werden.

Fabrik, in der unsere FEMNET T-Shirts produziert wurdenFabrik, in der unsere FEMNET T-Shirts produziert wurdenIch besuchte die Fabrik, die unsere FEMNET T-Shirts hergestellt hat, die wir bei Stainley & Stella bestellt hatten. Das Unternehmen ist Mitglied der Fair Wear Foundation (FWF) und die Fabrik ist GOTS geprüft. Sie liegt außerhalb von Dhaka, man benötigt 2-3 Stunden Fahrt dorthin. Dies war ein positives Beispiel. Ich konnte die Strickerei anschauen, auch maschinelles Sticken und Drucken, die Färberei sowie die Konfektion. Die Fabrik hat eine vorbildliche Kläranlage für die Abwässer, teilweise biologisch, und offenbar auch akzeptable Arbeitsbedingungen. Sicher weiß man das nie, das kann man ja bei einem Besuch nicht sehen. Eine Gewerkschaft jedenfalls gibt es auch in dieser Fabrik nicht. Die meisten Näherinnen trugen ein Tuch vor der Nase, was sie eigentlich nur bei Besuch tun, die Fabrik war also auf meinen Besuch gut vorbereitet.

 

 

10.9.2015


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