22.09.2015: „Schick, schnell, global – und katastrophal?! Unsere Kleidung als Produkt der internationalen Textilindustrie“

Abschlussbericht zur Veranstaltung im Alten Rathaus Bonn am 22. September 2015 (PDF-Datei)

Am 22. September 2015 brachten die Stadt Bonn und der Bonner Frauenrechtsverein FEMNET e.V. Vertreter/-innen des Bündnisses für nachhaltige Textilien, Aktive von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften sowie interessierte Konsumenten/-innen an einen Tisch. Von 18 bis 21 Uhr fand der interaktive Austausch im Gobelinsaal im Alten Rathaus statt. Die Veranstaltung war ein Beitrag zum Europäischen Jahr für Entwicklung 2015.

Angemeldet hatten sich ca. 80 Personen, teilgenommen haben rund 60 Interessierte.

Inhaltlicher Ausgangspunkt war der Zusammensturz des Gebäudekomplexes Rana Plaza 2013 in Bangladesch. So war der Impulsvortrag von Dr. Gisela Burckhardt überschrieben mit dem Titel „Was hat sich seit Rana Plaza getan?“. Da sich der Workshop sowohl an Experten/-innen als auch an allgemein Interessierte richtete, hatte der kurze Input (15 Minuten) die Funktion, alle Teilnehmenden auf einen Wissensstand zu bringen.

Es folgte das „Herzstück“ der Veranstaltung, ein sogenanntes World Café (70 Minuten):

An vier Thementischen saßen jeweils ein bis zwei Experten/-innen zu den folgenden Aspekten:

1. Politik: Dr. Anna-Maria Schneider, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
2. Wirtschaft: Nico Kemmler, Unternehmensgruppe Seidensticker
3. Gewerkschaften und NGOs: Nese Aksoy, ZARA Köln / Johanna Hergt, FEMNET
4. Verbraucher/-innen: Katharina Partyka, kisstheinuit / Susanne Kupka, FEMNET

Die Teilnehmenden konnten sich drei Tische aussuchen und jeweils 20 Minuten mit den „Gastgebern/-innen“ diskutieren. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen zum gleichen Thema, sollten sich sich hier Interessierte nicht nur bei Experten/-innen informieren und ggf. ein, zwei Rückfragen stellen sondern konkret in den Austausch gehen. Dieser Austausch wurde durch den Rahmen der kleinen Tischgruppen (max. 16 Personen) ermöglicht.

Aufgeworfene Fragen waren u.a.

  • Wie arbeitet das Textilbündnis?
  • Wie produziert ein Unternehmen wie Seidensticker?
  • Welche Solidarität gibt es zwischen Gewerkschafterinnen in Deutschland und Produktionsländern wie Bangladesch und Indien?
  • Welche Marken führt der Concept Store kisstheinuit und warum?

Während die Tische „Politik“ und „Wirtschaft“ mit jeweils 16 Personen in allen drei Runden voll besetzt waren, waren die Thementische „Gewerkschaften und NGOs“ und „Verbraucher/-innen“ weniger stark frequentiert. Das könnte zum einen an den räumlichen Gegebenheiten gelegen haben (die beiden ersten Tische waren näher zum Eingang und somit schneller zugänglich), zum anderen an der prominenteren Besetzung der beiden ersten Tische: Frau Dr. Schneider ist als Mitarbeiterin im BMZ, Herr Kemmler ist als Mitglied im Steuerungskreis des Textilbündnisses nah dran am derzeitigen politischen Geschehen.

Das abschließende Podiumsgespräch (50 Minuten) – nach einer kurzen Imbiss-Pause beleuchtete noch einmal ganz konkret die Arbeit des Bündnisses für nachhaltige Textilien. Es diskutierten:

  • Dr. Gisela Burckhardt, FEMNET
  • Dr. Anna-Maria Schneider, BMZ
  • Nico Kemmler, Seidensticker

Alle drei sitzen im Steuerungskreis des Textilbündnisses. Das Bündnis für nachhaltige Textilien wurde am 16.10.2014 gegründet. Die Multi-Stakeholder Initiative, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Standardorganisationen und Gewerkschaften, wird die Kraft und Expertise seiner Mitglieder bündeln, um soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der Textillieferkette zu erreichen. Dabei zielt das Textilbündnis darauf ab, gemeinsame Herausforderungen effektiver zu lösen, Synergien in gemeinsamen Projekten vor Ort zu nutzen, voneinander zu lernen und so Rahmenbedingungen in den Produktionsländern zu verbessern.

Die Diskussion wurde bis zum Schluss kontrovers geführt und brachte damit die große Herausforderung zum Ausdruck, die das Textilbündnisses zu meistern hat. So fordern zivilgesellschaftliche Organisationen die vollkommene Transparenz der Lieferkette, während Unternehmen immer wieder zu verstehen geben, das dies in der Praxis nicht umsetzbar ist. Die Arbeit des Textilbündnisses wird in den kommenden Monaten darauf ausgerichtet sein, klare Zielvorgaben zu formulieren und zu definieren, wie diese zu erreichen sein werden.

Weitere Fragen, die vom Podium diskutiert wurden:

  • Die Diskussionen um „Saubere Kleidung“ sind über 20 Jahre alt (Kampagne für Saubere Kleidung wurde 1989 in den Niederlanden gegründet). Was ist passiert, dass das Thema jetzt plötzlich auf der politischen Agenda angekommen ist?
  • Welche konkreten Ziele verfolgt das Textilbündnis / der Steuerungskreis?
  • Gibt es einen Konsens darüber, ob die bestehenden Probleme eher über gesetzliche Bestimmungen oder die Selbstverpflichtung der Unternehmen in den Griff zu bekommen ist?
  • Warum ist Seidensticker dem Bündnis für nachhaltige Textilien beigetreten?
  • Welche konkreten Ziele verfolgt Seidensticker damit?
  • Wo und unter welchen Bedingungen lässt Seidensticker produzieren?
  • Am 16. Oktober findet die erste Mitgliederversammlung des Bündnis für nachhaltige Textilien statt. Was erwarten Sie sich davon?
  • Wenn wir uns in fünf Jahren wieder zur Diskussion treffen und bilanzieren: Was hat das Bündnis bis dahin erreicht?

Ein Gesamtbild der Podiumsdiskussion vermittelt die Live-Dokumentation im Anhang.

Bilanz der Veranstaltung
 
Die unmittelbaren Rückmeldungen einzelner Teilnehmenden nach dem Workshop waren durchweg positiv. Der Austausch an den Thementischen gestaltete sich lebhaft und durchaus kontrovers. Die Teilnehmerzahl blieb trotz der Länge der Veranstaltung bis zum Schluss konstant.

Für zukünftige Veranstaltungen dieser Art ist zu überlegen, ob sich – aufgrund der Fülle der Unterthemen – nicht eine Tagesveranstaltung besser eignet, um die Tischgespräche auf 30 Minuten zu verlängern und dadurch einen noch intensiveren Austausch zu ermöglichen. Zudem könnten alle „Gastgeber/-innen“ sich und ihre Themen zu Beginn der Veranstaltung vor der Großgruppe vorstellen (in jeweils 5 Minuten). Auf diese Weise kann wertvolle Diskussionszeit in den Gesprächsrunden gewonnen werden.

Als dritte Anregung empfiehlt es sich, an jeden Thementisch eine Protokollantin/einen Protokollanten zu setzen, die/der die Ergebnisse festhält. Auf diese Weise können die Experten/-innen die wertvollen Anregungen der Teilnehmenden mit in ihren Berufsalltag nehmen. Der Aufforderung, das Gesagte auf die ausgelegten Flipchartpapiere auf den Tischen zu schreiben, sind nur wenige Teilnehmende gefolgt.

Insgesamt ist die Veranstaltung vonseiten FEMNETs als sehr erfolgreich zu bewerten. Sowohl was die Gesamtorganisation der Stadt Bonn im Vorfeld betrifft als auch die Umsetzung und den inhaltlichen Output.


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