07.09.2016: Macht das Textilbündnis noch Sinn?

Wenn sich an den verheerenden Produktionsbedingungen in der Modeindustrie grundsätzlich etwas ändern soll, benötigen wir gesetzliche, verbindliche Vorgaben. Diese sollen deutsche und europäische Unternehmen verpflichten, auf die Einhaltung von Sozialstandards entlang ihrer gesamten Lieferkette zu achten. Kommen sie ihrer Sorgfaltspflicht nicht nach, müssen Sanktionen folgen. Nur wenn Unternehmen für die Verletzung von Menschenrechten und Arbeitsstandards bei ihren Produzenten zahlen, sind Katastrophen wie Rana Plaza vermeidbar.

Diese Position vertritt FEMNET weiterhin. Zusätzliche freiwillige Maßnahmen von Unternehmen sieht die Frauenrechtsorganisation als Ergänzung zu gesetzlichen Regeln. Seit nunmehr zwei Jahren arbeitet FEMNET daher aktiv im Bündnis für nachhaltige Textilien, kurz Textilbündnis, mit, das der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller initiiert hat. Ziel ist ein Aktionsplan für eine nachhaltige textile Lieferkette.

Dieser Prozess ist sehr zäh und zeitaufwendig. Im Textilbündnis gibt es derzeit rund 180 Mitglieder, darunter etwa 160 Unternehmen. Das bedeutet, dass die Zivilgesellschaft unterrepräsentiert ist und nur wenige Kräfte hat. In mehreren Arbeitsgruppen wird um Kompromisse gerungen. Während die großen Unternehmen CSR-Abteilungen unterhalten, sich in der Regel intensiv mit der Thematik beschäftigt und auch selber schon Nachhaltigkeitsberichte erstellt haben, betreten viele mittelständische und kleine Unternehmen hier Neuland. Oft orientiert sich die Diskussion im Textilbündnis aber an ihnen, denn das Ministerium (BMZ) will auch sie ins Boot holen. Die Unternehmen oder ihre Verbände klagen, dass etwa die Erstellung einer aus zivilgesellschaftlicher Sicht nicht besonders anspruchsvollen Roadmap – in der sich die Unternehmen eigene Ziele für die Umsetzung von Sozial- und Umweltstandards entlang der Lieferkette für das kommende Jahr setzen – zu aufwendig sei. Ihr Ziel ist es, die ohnehin schon geringen Ansprüche zu senken. Aber ohne Anstrengung wird es keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen geben! Die Skepsis darüber, wie ernst Unternehmen es wirklich meinen, ist unter NGOs weit verbreitet. Die Kritik nimmt zu, die Zivilgesellschaft diene lediglich als Feigenblatt. Die Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE) schreibt in ihrem Jahresbericht 2016: „Wir empfehlen unseren Mitgliedsunternehmen weiterhin den Beitritt zum Bündnis, da die meisten AVE-Mitglieder bereits durch ihr jetziges Engagement keine Schwierigkeiten haben sollten, die Bündnisstandards zu erfüllen.“

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob all der persönliche Einsatz und Aufwand lohnt, den FEMNET und andere NGOs einbringen. Es klingt in der Tat so, als ob alles zum Besten stünde (zumindest für die Unternehmen), das jetzige Engagement reicht laut AVE offenbar aus. Warum dann überhaupt ein Textilbündnis? Dass sich für die Näherinnen die Lage trotz all des Engagements nicht verbessert hat, scheint den AVE nicht zu beschäftigen. Es kommen daher berechtigte Zweifel auf, ob die Erstellung der Roadmaps einen Fortschritt bedeutet. Die Ausrichtung an kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die am Umsatz der Bekleidungsindustrie nur einen Anteil von weniger als 30 Prozent haben, verzögert den Prozess und reduziert das Niveau.

Deshalb hat FEMNET einen Vorstoß für eine gemeinsame Bündnisinitiative gemacht, die vor Ort tatsächlich etwas verändern könnte. Das Ziel dieser Multistakeholder-Initiative ist, die Sklavenarbeit junger Frauen in südindischen Spinnereien abzuschaffen. Denn aus Sicht von FEMNET besteht ein Mehrwert des Textilbündnisses darin, dass sich mehrere Unternehmen mit Gewerkschaften und NGOs zusammentun könnten, um vor Ort Verbesserungen bei den Zulieferern zu erreichen (siehe Bericht über Multistakeholder-Initiative für Tamil Nadu).


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