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24.06.2013: Das Praktikum bei Cividep und Munnade 3. Teil

The Best way to find yourself is to lose yourself in the service of others.”
Mahatma Gandhi

Indien Collage

Noch ein Monat, dann ist mein Praktikum in Indien bei Cividep und Munnade schon zu Ende. Die Zeit verfliegt wie im Fluge und bis zu meiner Rückkehr möchte ich noch möglichst viel von dem restlichen Teil Indiens sehen. Ende Juli bekomme ich Besuch von meinen Eltern, meiner Tante, Cousine und Onkel und meiner besten Freundin. Ich freue mich so, sie inspiriert und überzeugt zu haben nach Indien zu kommen und ihnen zeigen zu können, wie und wo ich fünf Monate verbracht habe. Als mein Bruder mit seiner Freundin letzten Monat für ein paar Tage hier war, habe ich erst gemerkt, wie normal schon alles für mich geworden ist, dass ich mich an alle Umstände schnell gewöhnt und mich in die indische Gesellschaft gut integriert habe. Ich bin von Anfang an sehr aufgeschlossen und vor allem vorurteilsfrei an das Neue heran gegangen und das hat mir ermöglicht, das wahre Leben in Indien zu erfahren, zu genießen und letztendlich lieben zu lernen.

Mit meiner Familie zusammen werde ich den Süden Indiens -Mysore, Ooty, Coimbatore und Cochin- erkunden. Im August geht es mit meiner Freundin Richtung Westen nach Gokarna (an den Strand) und Pune (Bekannte besuchen) bis hoch in den Norden nach Agrar (Taj Mahal besichtigen), Varanasi (heiligste Stadt am Ganges) und Dehli. Auf dieser Reise wird die Vielfalt Indiens in Bezug auf Essen, Landschaft, Lebensweise und Traditionen nochmals deutlich zu spüren sein.

Neben dem übermittelten Fachwissen durch Projekte, Recherchen und Meetings mit Arbeiterinnen und Aktivisten nehme ich vor allem auch eines mit:
Die Erkenntnis, dass es sich lohnt, sich für eine bessere Welt einzusetzen – auch wenn es sich nur wie ein „Tropfen auf dem heißen Stein“ anfühlt.
In einem Land wie Indien, wo jede Hilfe gebraucht und daher so dankbar angenommen wird, wo durch einfachste Mittel viel erreicht werden kann, bereichert die Arbeit einen immens.

Indem ich mit Organisationen zusammenarbeite, die sich für bessere Arbeitsbedingungen, gegen Ausbeutung und mehr Gerechtigkeit für die Frauen in der Bekleidungsindustrie einsetzen, erfahre ich tagtäglich wie ungemein wichtig solche Arbeit ist und dass es davon noch viel zu wenig gibt. Wir brauchen nicht noch mehr Shopping Malls, sondern diese dort arbeitenden Menschen für Hilfsorganisationen, soziale Projekte und Kampagnen.
Wir haben genug- schon zu viel- Angebot, so viel, dass wir uns nicht mehr entscheiden können, von der Auswahl überfordert sind und im Konsum versinken.

Das Team von Munnade besteht derzeit aus vier Frauen. Es sind erfahrene Arbeiterinnen aus der Bekleidungsindustrie, die 2004 beschlossen haben, nicht mehr in der Fabrik unter miserablen Bedingungen zu arbeiten, sondern von außerhalb aktiv gegen die Missstände vorzugehen. 2012 entstand GLU (Garment Labour Union), eine große Gewerkschaft, die heute 850 Mitglieder umfasst. Es ist beeindruckend zu sehen, was diese vier Frauen alles auf die Beine stellen und wie viel sie aufgebaut haben. Letzte Woche war ich bei einem Pressemeeting, bei dem GLU über die neue notwendige Textilpolitik gesprochen hat. Von Seiten des Arbeiterministeriums wird immer noch massiv über Arbeiterrechtsverletzungen geschwiegen, die textilen Richtlinien begünstigen ausschließlich die Arbeitgeber und nicht die große Anzahl von unorganisierten und ungeschützten Arbeitnehmern. Der monatliche Mindestlohn von 5000 Rupien (ca. 70€) muss erhöht werden, 12000 Rupien werden gefordert und sind nötig um ein akzeptables Leben in Bangalore zu führen. Ein separater Bereich im Arbeitsministerium muss geschaffen werden, um Klagen von Arbeitern anhören zu können und entsprechend reagieren zu können und Gremien aufgestellt werden, um die aktuelle Situation und Defizite erfassen, kontrollieren und Maßnahmen treffen zu können.  
Jeden Monat findet ein „Executive Meeting“ statt, bei dem sich 19 Frauen treffen, die führende Positionen in der Union eingenommen haben, und Probleme in speziellen Fabriken zu behandeln, vergangene und anstehende Aktionen zu besprechen und weitere Methoden zu finden, um die Union zu stärken und zu vergrößern. Ein aktuelles Problem ist zum Beispiel, dass sich eine Arbeiterin beschwert hat, sie würde seit 22 Jahren in der gleichen Fabrik arbeiten und immer noch das gleiche Gehalt wie am Anfang bekommen. Generalsekretärin Yashoda von Munnade sagte, dass es leider noch kein Gesetz gibt, welches ein höheres Gehalt für Langzeitarbeiter vorsieht, für die Einführung eines solchen Gesetzes aber gekämpft werden müsse. Die Anfrage würde ans Parlament gehen.

Neben diesen Aktionen und regelmäßigen Besuchen der Arbeiterinnen außerhalb der Fabriken, verteilen des alle zwei Monate erscheinenden Newsletters, Protestaktionen und Streiks, erstelle ich zusammen mit GLU noch eine Webseite über die Arbeiterunion, um besonders außerhalb Bangalores bekannt zu werden und internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erhalten.

Auch wenn es immer schwierig ist, sich zu verständigen, da sie hauptsächlich Kannada und ich nur Englisch spreche, verstehen wir uns in irgendeiner Weise (mal mit Übersetzer, mal ohne) und haben ein sehr vertrauliches Verhältnis zueinander aufgebaut. Ich wurde schon oft zu ihren Familien nach Hause in die Dörfer eingeladen und unglaublich herzlich empfangen. Es ist sehr amüsant und gleichzeitig erstaunlich zu sehen, was für eine Wirkung der Europäer auf die meisten Inder hat. Sie sind so neugierig und interessiert an diesem fremden Wesen und haben leider eine ziemlich verzerrte Vorstellung von uns, hauptsächlich durch die falsche Berichterstattung der Medien entstanden. Wir sind die reiche, zufriedene und sorgenlose Gesellschaft –beneidenswert- aber andererseits auch bemitleidenswert, da unsere Lebensweise, im Vergleich zu der Indischen, eher als Werte-los, nur konsumorientiert und zu freizügig erscheint. Natürlich haben wir, finanziell gesehen, ein besseres Leben und bekommen mehr Möglichkeiten und Unterstützungen von Seiten des Staates. Ob wir aber die glücklicheren, zufriedeneren Menschen sind, bezweifele ich, möchte ich mal so dahin gestellt lassen. Trotz des überall herrschenden Leids, habe ich noch nie so viel Warmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftsgefühl erfahren wie hier.
Dafür bin ich sehr dankbar.